Verchromte Beats, ein unerschütterliches Schwarz-Weiß-Konzept und ein monolithisches Logo aus drei K: KitschKrieg haben die Klangfarbe und das visuelle Gewand des modernen deutschen Rap-Untergrunds und Pop-Mainstreams so radikal umgewälzt wie kaum ein anderes Produzententeam vor ihnen. Das Berliner Trio, das jahrelang bewusst im Schatten seiner Künstler agierte, hat Minimalismus zu einer Kunstform erhoben. Sie sind das Mastermind hinter dem kometenhaften Aufstieg von Trettmann und die Erfinder eines zeitlosen, staubtrockenen Sounds.
Wer steckt hinter dem Kollektiv?
Hinter dem Namen KitschKrieg verbirgt sich ein perfekt eingespieltes Triumvirat aus Berlin-Kreuzberg, das die Aufgaben strikt und hocheffizient aufteilt:
- Christoph Erkes (Fizzle): Der musikalische Kopf, Produzent und DJ.
- Christian Meyerholz ( Fiji Kris): Ebenfalls Produzent und Sound-Designer.
- Nicole Schettler (*): Die visuelle Direktorin. Sie verantwortet die komplette Ästhetik, die ikonischen Schwarz-Weiß-Fotografien, die Musikvideos und das gesamte Artwork.
Das Trio gründete sich 2014 mit einer klaren Prämisse: Keine Gesichter, keine Ego-Trips. Im Fokus steht ausschließlich das Werk. Das Kürzel „KitschKrieg“ beschreibt dabei perfekt das Spannungsfeld ihrer Kunst – die ständige Reibung zwischen emotionaler, schöner Melancholie (Kitsch) und der harten, minimalistischen Realität der Beats (Krieg).
Die Symbiose mit Trettmann: Der Wendepunkt
Die Geschichte von KitschKrieg ist untrennbar mit dem späten Triumph von Trettmann (ehemals Ronny Trettmann) verbunden. Im Jahr 2015 war der gebürtige Chemnitzer ein in der Nische feststeckender Dancehall-Sänger. KitschKrieg nahmen ihn unter ihre Fittiche, strichen den Reggae-Slang zusammen und verpassten ihm ein radikal neues, unterkühltes Gewand.
Mit den drei KitschKrieg-EPs (2016) und dem anschließenden Jahrtausend-Album „#DIY“ (2017) schufen sie ein deutsches Hip-Hop-Meisterwerk. KitschKrieg kreuzten karibische Dancehall-Rhythmen, modernen Trap, Cloud Rap und deepen Dubstep mit Trettmanns melancholischem Autotune-Gesang. Songs wie Knöcheltief, Grau oder Standard wurden zu Hymnen einer ganzen Generation. Sie bewiesen, dass deutscher Trap nicht prollig sein muss, sondern verletzlich, ästhetisch und tief berührend klingen kann.
Die KitschKrieg-Ästhetik: Weniger ist unendlich viel mehr
Das Alleinstellungsmerkmal von KitschKrieg lässt sich in zwei Kategorien unterteilen:
Der Sound: Die Kunst des Weglassens
Während viele moderne Hip-Hop-Produktionen von Sound-Spuren und Effekten überladen sind, betreiben KitschKrieg konsequenten Verzicht. Ihre Beats bestehen oft nur aus einer staubtrockenen 808-Bassline, einer peitschenden Snare und einem einzigen, hypnotischen Synthesizer- oder Vocal-Sample. Jedes Element hat maximalen Platz zum Atmen. Dieser karge, metallische und industrielle Sound schlägt eine direkte Brücke vom Berliner Techno-Underground zum modernen Rap.
Die Visuals: Radikales Schwarz-Weiß
Unter der Regie von Nicole Schettler wurde das visuelle Konzept zur Corporate Identity. Es gibt von KitschKrieg – und den von ihnen produzierten Alben dieser Ära – kein einziges farbiges Foto oder Video. Die Ästhetik ist dokumentarisch, rau, scharf kontrastiert und fängt die urbane Tristesse Berlins perfekt ein. Das ikonische Logo prangt auf schlichtem, meist schwarzem oder weißem Merchandising, das innerhalb von Minuten ausverkauft ist.
Das Nummer-1-Album und die All-Star-Kollaborationen
Spätestens mit ihrem selbstbetitelten Produzentenalbum „KitschKrieg“ (2020) zementierte das Trio seinen Status als Pop-Titanen. Sie schafften es, die unterschiedlichsten Welten der deutschen Musiklandschaft auf ihren reduzierten Beats zu vereinen.
Auf dem Album, das auf Platz 1 der deutschen Charts einstieg, kollaborierten sie mit der Crème de la Crème: von Straßenrappern wie Gzuz und Bonez MC (HaifischNikez All Stars) über Pop-Größen wie Jan Delay und Nena bis hin zu Modepionier RIN und Indie-Liebling Henning May (AnnenMayKantereit) auf der melancholischen Hit-Single Vermissen. KitschKrieg fungierten hier wie Kuratoren, die jedem Künstler den perfekten, maßgeschneiderten Klangteppich auslegten, ohne jemals ihre eigene Identität zu verlieren.
Das Ende einer Ära und der Blick nach vorn
Nachdem sie mit Trettmann im Jahr 2023 das Album „Insomnia“ veröffentlichten, kündigte das Kollektiv das Ende der gemeinsamen, exklusiven Ära an – ein Abschied auf dem absoluten Zenit.
KitschKrieg haben sich jedoch nie auf ihren Lorbeeren ausgeruht. Längst strecken sie ihre Fühler international aus, produzieren für Künstler im UK-Grime- und US-Rap-Bereich und beweisen, dass ihr minimalistisches Konzept keine Sprachbarrieren kennt. Über ihr eigenes Label SoulForce Records und das Management-Subunternehmen pushen sie weiterhin kompromisslose Newcomer.
Die Fusion der Generationen: Die Zusammenarbeit mit Blumengarten
Dass KitschKrieg ein unfehlbares Gespür für die vielversprechendsten Talente des Landes besitzen, bewiesen sie einmal mehr durch ihre Zusammenarbeit mit dem Newcomer-Duo Blumengarten. Für deren Song „Sonne“ steuerten die Berliner Produzenten ihren unverkennbaren, rauen Klangteppich bei. Die Kollaboration markiert das perfekte Aufeinandertreffen zweier Welten: Auf der einen Seite der radikale, urbane Minimalismus von KitschKrieg, auf der anderen Seite die ungeschönte, feinfühlige Emotionalität von Sänger Rayan und Produzent Samuel. KitschKrieg schafften es hierbei meisterhaft, den intimen Kern von Blumengarten unangetastet zu lassen und ihm gleichzeitig durch staubtrockene, treibende Rhythmen eine völlig neue, clubtaugliche Dringlichkeit zu verleihen. Ein musikalischer Brückenschlag, der zeigt, wie zeitlos das KitschKrieg-Konzept über Genregrenzen hinweg funktioniert.
Fazit
KitschKosen und glatter Einheitsbrei waren gestern. KitschKrieg haben dem deutschen Hip-Hop beigebracht, dass Haltung, ein eiserner visueller Code und radikale musikalische Reduktion ausreichen, um die gesamte Industrie zu dominieren. Sie haben den Produzenten im Hintergrund aus dem Schatten ins Rampenlicht geholt – und das, ohne jemals ihr Gesicht in die Kamera zu halten. Sie sind die unangefochtenen Kuratoren des guten Geschmacks im deutschen Rap.
