Wer in Ostdeutschland aufgewachsen ist, kennt seine Stimme. Doch Reinhard Lakomy auf Kinderlieder zu reduzieren, wäre so, als würde man David Bowie nur als „Space Oddity“-Sänger bezeichnen. Lakomy war ein Visionär, der den Spagat zwischen avantgardistischer Elektronik und massentauglichem Storytelling meisterte. Wir analysieren sein Werk für das Jahr 2026.
Der Jazz- und Schlager-Beginn (Die 60er & 70er)
Lakomy startete als hochbegabter Jazz-Pianist (u.a. im Günther-Fischer-Quintett). In den 70ern wurde er zum gefeierten Liedermacher und Schlagersänger.
- Der Sound: Seine frühen Hits wie „Heute bin ich allein“ kombinierten anspruchsvolle Harmonik mit sehnsuchtsvollen Texten.
- Das Besondere: Er hatte ein Gespür für Melodien, die sofort ins Ohr gingen, aber musikalisch nie banal waren. Er brachte eine intellektuelle Tiefe in die Unterhaltungsmusik, die ihn von reinem „Gebrauchsschlager“ abhob.
Der Elektronik-Pionier: Das „Lacky“-Labor
Ende der 70er Jahre vollzog Lakomy einen radikalen Bruch. Inspiriert von der Berliner Schule (Tangerine Dream, Klaus Schulze), kaufte er sich für horrende Summen westliche Synthesizer (wie den Minimoog).
- Die Alben: Mit Werken wie „Das geheime Leben“ (1981) und „Der weite Weg“ schuf er instrumentale Klangwelten, die in der DDR absolut einzigartig waren.
- Die Technik: Er experimentierte mit Sequenzern und Schichtungen. Sein Studio war ein High-Tech-Labor inmitten des grauen Alltags. Diese Alben gelten heute (2026) unter Retro-Elektronik-Fans weltweit als Sammlerstücke.
Das Lebenswerk: Der Traumzauberbaum (1980)
Zusammen mit seiner Frau, der Schriftstellerin Monika Ehrhardt, schuf er 1980 ein Werk, das bis heute Generationen prägt.
- Das Konzept: Ein „Geschichtenlieder“-Hörspiel. Jedes Blatt des Baumes erzählt eine Geschichte.
- Musikalische Qualität: Das Geniale am Traumzauberbaum ist, dass Lakomy die Kinder ernst nahm. Die Arrangements sind komplex, die Sounds modern (oft mit seinen Synthesizern unterlegt) und die Melodien zeitlos.
- Status 2026: Auch 46 Jahre nach Erscheinen ist der Traumzauberbaum ein fester Bestandteil der frühkindlichen Bildung in Deutschland und füllt als Live-Show immer noch Säle.
Was können wir von Lakomy lernen?
- Keine Angst vor Genre-Wechseln: Lakomy bewies, dass man gleichzeitig ein seriöser Elektronik-Komponist und ein Kinderlied-Autor sein kann. Qualität kennt keine Zielgruppenbeschränkung.
- Sound-Design als Storytelling: In seinen Kinderliedern nutzte er Synthesizer-Effekte, um Atmosphäre zu schaffen (Wind, Zauberei, Träume). Er verstand, dass Klänge Bilder im Kopf erzeugen.
- Unabhängigkeit: Er baute sich sein eigenes Studio und seine eigene Marke auf, lange bevor „Home-Recording“ und „Self-Publishing“ Standard waren.
Das Erbe von “Lacky”
Reinhard Lakomy verstarb 2013, doch seine Musik ist präsenter denn je. In der modernen Neoklassik-Szene (siehe unser Porträt über Nils Frahm) finden sich viele Ansätze wieder, die Lakomy bereits in den 80ern mit seinen instrumentalen Synthesizer-Alben vorwegnahm: die Liebe zum Analogen, das Spiel mit Repetition und die Erschaffung von Räumen.
Bildquelle: Von Bundesarchiv, Bild 183-1987-0107-015 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, Link

