Zum Inhalt springen

New Order: Die Brückenbauer zwischen düsterem Post-Punk und elektronischer Ekstase

    5 min read 937 words 3 views

    Es gibt nur sehr wenige Bands, die nach einer unendlichen Tragödie auferstehen und die Musikwelt ein zweites Mal grundlegend revolutionieren. Die britische Formation New Order hat genau dieses Kunststück vollzogen. Geboren aus der Asche der legendären Post-Punk-Ikonen Joy Division, erfand das Quartett aus Manchester in den 1980er Jahren den Alternative Dance. Sie fusionierten den melancholischen, handgemachten Rock der Marke Manchester mit den hypnotischen Synthesizer-Beats des New Yorker Undergrounds. Ihre Geschichte ist ein Lehrstück über Trauerarbeit, radikale Neuerfindung und den Mut, die Grenzen der Popmusik einzureißen.

    Das finstere Erbe: Die Geburt aus dem Nichts

    Die Vorgeschichte von New Order ist untrennbar mit einer der größten Tragödien der Popgeschichte verbunden. Im Mai 1980 nahm sich Ian Curtis, der charismatische und tief zerrissene Frontmann von Joy Division, am Vorabend der ersten US-Tournee der Band das Leben. Die verbliebenen Mitglieder – Bernard Sumner (Gitarre), Peter Hook (Bass) und Stephen Morris (Schlagzeug) – standen vor dem Trümmerhaufen ihrer Existenz.

    Da die Musiker sich einst geschworen hatten, den Namen Joy Division niemals ohne Curtis weiterzuführen, formierten sie sich im Herbst 1980 neu. Sie holten Gillian Gilbert (Keyboards, Gitarre) an Bord, um den Sound zu erweitern, und benannten sich in New Order um. Bernard Sumner übernahm widerwillig, aber mutig den Posten des Sängers. Ihr Debütalbum Movement (1981) klang noch wie ein geisterhaftes Echo der Vergangenheit: düster, klaustrophobisch und schwer gezeichnet von der Trauer um ihren verstorbenen Freund.

    Die New-York-Connection und die Entdeckung des Sequenzers

    Der eigentliche Wendepunkt in der Karriere von New Order ereignete sich bei einem Besuch in den Clubs von New York City. Inspiriert von der dortigen Electro-Funk-, Hip-Hop- und Italo-Disco-Szene – insbesondere Künstlern wie Afrika Bambaataa und dem Sound des legendären Paradise Garage – trafen die Musiker eine radikale Entscheidung. Sie wollten den eiskalten Post-Punk Manchesters mit der euphorischen, tanzbaren Energie des Synthesizers kreuzen.

    Sie begannen, intensiv mit analogen Sequenzern und Drumcomputern (wie der legendären Roland TR-808 und dem Oberheim DMX) zu experimentieren. Da es damals noch keine MIDI-Schnittstellen gab, mussten Morris und Sumner die Geräte mühsam selbst programmieren und elektronisch zusammenlöten. Das Ergebnis dieser Sound-Bastelei war ein musikalischer Urknall.

    Blue Monday: Die meistverkaufte Maxisingle aller Zeiten

    Im März 1983 veröffentlichten New Order einen Song, der die DNA der Popmusik für immer verändern sollte: „Blue Monday“.

    • Der Beat: Das Stück beginnt mit einem unerbittlichen, maschinellen Sechzehntel-Puls des Drumcomputers, der sofort ins Mark geht.
    • Der Kontrast: Über dieses starre, elektronische Fundament legte Peter Hook seinen charakteristischen, hoch gespielten, melancholischen Basslauf, während Bernard Sumner mit unterkühlter, fast roboterhafter Stimme sang.
    • Das Design: Verpackt von Grafiker Peter Saville in eine ikonische Hülle, die einer alten 5,25-Zoll-Floppy-Disk nachempfunden war, wurde die Single zu einem weltweiten Club-Phänomen.

    Kurioses Detail der Musikgeschichte: Da die Produktion der aufwendig gestanzten Plattenhülle so teuer war, zahlte das bandeigene Label Factory Records bei jeder verkauften Kopie drauf. Je erfolgreicher die meistverkaufte 12″-Maxisingle aller Zeiten wurde, desto größer wurden die finanziellen Verluste für die Band.

    Die goldene Ära: Power, Corruption & Lies bis Technique

    In den darauffolgenden Jahren lieferten New Order eine Reihe von Alben ab, die heute als Meilensteine des Synth-Pop und des Alternative Rock gelten.

    Power, Corruption & Lies (1983)

    Hier gelang der Band der endgültige Befreiungsschlag aus dem Schatten von Joy Division. Der Sound öffnete sich, wurde heller und kombinierte wunderschöne Synthie-Flächen (Your Silent Face) mit treibenden Post-Punk-Gitarren.

    Low-Life (1985) & Brotherhood (1986)

    Diese Alben perfektionierten die klangliche Schizophrenie der Band. Tracks wie The Perfect Kiss oder Bizarre Love Triangle zeigten eine Band auf dem absoluten Zenit ihres Songwriting-Gespürs. Sie schrieben Pop-Hymnen, die sowohl im Indie-Club als auch in der Großraumdisco funktionierten.

    Technique (1989)

    Aufgenommen auf Ibiza, fing dieses Album die Geburtsstunde des Acid House und der Madchester-Bewegung ein. New Order bewiesen einmal mehr, dass sie keine alternden Rock-Dinosaurier waren, sondern mitten im Puls der aktuellen Clubkultur schwammen.

    Die Hacienda und das bittere Ende einer Ära

    New Order waren nicht nur eine Band, sie waren das finanzielle Rückgrat von Factory Records und dem legendären Club The Haçienda in Manchester. Der Club wurde in den späten 80ern zum Epizentrum der weltweiten Rave-Kultur (Ravers, Ekstase und Happy Mondays). Doch Missmanagement, ausbleibende Gewinne und die grassierende Kriminalität in der Szene führten Anfang der 1990er Jahre zum spektakulären Bankrott des Labels und zur Schließung des Clubs. Dies hinterließ tiefe Risse im Gefüge der Band.

    Das Spätwerk und der Split mit Peter Hook

    Nach einer längeren Pause kehrten New Order 2001 mit dem gitarrenlastigen und triumphalen Album Get Ready (und der Hitsingle Crystal) zurück. Doch die internen Spannungen, insbesondere zwischen den beiden Alphatieren Bernard Sumner und Peter Hook, eskalierten. Im Jahr 2007 verließ Hook die Band im Streit.

    Trotz des schmerzhaften Verlusts ihres ikonischen Bassisten machten Sumner, Morris und die zurückgekehrte Gillian Gilbert weiter. Mit Alben wie Music Complete (2015) bewiesen sie, dass sie ihren ureigenen, bittersüßen Sound auch im neuen Jahrtausend meisterhaft beherrschen.

    Fazit: Das unendliche Erbe

    New Order haben das Kunststück vollbracht, zwei völlig unterschiedliche Musikwelten miteinander zu versöhnen. Sie nahmen der elektronischen Clubmusik die Sterilität und schenkten dem Rock die Tanzbarkeit. Ohne New Order gäbe es keinen modernen Synth-Pop, keinen Indie-Dance und keine Bands wie The Killers (die sich übrigens nach der fiktiven Band aus dem New-Order-Musikvideo zu Crystal benannten). Sie haben bewiesen, dass man aus der tiefsten Dunkelheit der Trauer die hellste, mitreißendste Musik erschaffen kann.

    Mehr erfahren

    Webseite von New Order

    Elektronische Musik

    Bildquelle: By Julio Enriquez – https://www.flickr.com/photos/julioenriquez/8076895769/in/album-72157631742987701/, CC BY 2.0, Link


    musizieren24
    Author: musizieren24

    Schreibe einen Kommentar

    Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert