Joe Jackson „Hope and Fury“: Wer dachte, der britische Ausnahme-Musiker würde sich nach seinem exzentrischen Ausflug in die Welt der Music-Hall (unter dem Pseudonym Max Champion) zur Ruhe setzen, wird mit „Hope and Fury“ eines Besseren belehrt. Das Album ist kein bloßes Spätwerk, sondern ein musikalischer Donnerschlag. Es ist ein Manifest, das die Zerrissenheit unserer Gegenwart zwischen existenziellem Zorn (Fury) und dem unerschütterlichen Glauben an die Menschlichkeit (Hope) klanglich einfängt.
Die Rückkehr zur Essenz: Das Trio-Format 2.0
Nach den orchestralen und theatralischen Experimenten der letzten Jahre kehrt Jackson auf Hope and Fury zu einer Besetzung zurück, die seine Fans bereits seit Ende der 70er Jahre lieben: Das Trio-Format. Doch wer hier ein reines Nostalgie-Projekt erwartet, irrt. Jackson ergänzt das Fundament aus Bass, Schlagzeug und seinem charakteristischen Piano durch aggressive Bläsersätze und eine punktuelle orchestrale Wucht, die den Songs eine fast beängstigende Tiefe verleiht.
Das Album ist dramaturgisch zweigeteilt, was sich bereits im Titel widerspiegelt.
Die „Fury“-Seite: Rohe Energie und politische Schärfe
Songs wie die Lead-Single „Invisible Man“ treten dem Hörer mit einem knurrenden, beinahe übersteuerten Bass direkt entgegen. Jacksons Klavierspiel ist hier weniger begleitend, sondern wirkt perkussiv, fast schon attackierend. Es erinnert an die ungestüme Energie seines Debüts Look Sharp!, doch man hört in jeder Note die harmonische Reife eines Mannes, der in den letzten Jahrzehnten Sinfonien geschrieben und Jazz-Ensembles geleitet hat. In den Texten der „Fury“-Tracks rechnet Jackson mit der digitalen Anonymität und der sozialen Kälte ab – gewohnt zynisch, aber mit einer neuen, altersweisen Dringlichkeit.
Die „Hope“-Seite: Melancholische Lichtblicke
Im krassen Kontrast dazu stehen Tracks wie „The Last Sunbeam“. Hier zeigt Jackson eine verletzliche Seite, die man in dieser Reinheit seit den Tagen von Night and Day selten gehört hat. Hier dominieren weite, melancholische Melodiebögen. Das Piano tritt zurück, wird weicher und lässt Raum für atmosphärische Streicher-Arrangements, die Hoffnung nicht als Kitsch, sondern als harte moralische Arbeit definieren.
Recording-Magie in den Hansa Studios
Ein entscheidender Faktor für den Sound von Hope and Fury ist der Aufnahmeort. Jackson entschied sich für die legendären Hansa Studios in Berlin. Die geschichtsträchtige Aura dieses Ortes, an dem schon David Bowie und Iggy Pop Musikgeschichte schrieben, scheint in jedem Takt präsent zu sein.
Der Sound ist kahl, direkt und ungeschminkt. Jackson verzichtet fast vollständig auf moderne digitale Spielereien oder Pitch-Korrekturen. Jeder Ton atmet Handarbeit. Besonders für Audiophile ist die Dynamik des Albums ein Genuss: Die Spanne reicht von einem fast unhörbaren, flüsternden Piano-Intro bis hin zu einem orchestralen Crescendo im Titeltrack, das die Lautsprecher an ihre Grenzen bringt. Diese „Analog-First“-Attitüde sorgt dafür, dass das Album organisch und zeitlos klingt.
Musikanalyse für Kenner: Der Jackson-Akkord
Für die Leser von musizieren24.de lohnt ein Blick auf die harmonische DNA des Albums. Jackson nutzt wieder vermehrt sein Markenzeichen: den sogenannten „Jackson-Akkord“. Dabei handelt es sich oft um scharfe Sekunden-Reibungen in der rechten Hand, die gegen einen sehr stabilen, oft oktavierten Bass in der linken Hand gesetzt werden.
Auf Hope and Fury setzt er diese Dissonanzen gezielt ein, um die soziale Unruhe klanglich darzustellen. Die Auflösung dieser Spannungen in strahlende Dur-Akkorde fungiert dabei als musikalisches Äquivalent zur „Hope“-Thematik des Albums. Es ist ein Lehrstück in Sachen funktionaler Harmonielehre, angewandt auf modernen Rock.
Fazit: Ein Pflichtkauf für das Jahr 2026
Joe Jackson beweist mit diesem Album, dass er im Jahr 2026 relevanter denn je ist. Während viele seiner Zeitgenossen sich auf Best-of-Tourneen ausruhen, bleibt Jackson ein Suchender, ein Rebell am Flügel. Hope and Fury ist musikalisch brillant, textlich scharfzüngig und emotional packend.
Für Musiker ist es eine Erinnerung daran, dass technische Versiertheit und rohe Emotion keine Gegenspieler sein müssen. Es ist ein Album, das wütend macht, das tröstet und das vor allem eines tut: Es fordert die volle Aufmerksamkeit des Hörers. Ein absoluter Pflichtkauf für jeden, der wissen will, wie intelligenter, anspruchsvoller Rock im 21. Jahrhundert klingen muss.


J J hat mal wieder geliefert!!!
Ich verfolge ihn seit Look Sharp und bin
immer noch begeistert von seinen Texten und Kompositionen.
KAUFEN!!