Wer in die Welt des Jazz eintaucht, stößt unweigerlich auf einen Begriff, der das Fundament fast jeder Komposition in diesem Genre bildet: die Jazzkadenz, besser bekannt als die II-V-I Verbindung. Während die klassische Musik oft auf der einfachen I-IV-V-I Kadenz (Tonika-Subdominante-Dominante-Tonika) basiert, hat der Jazz diese Bewegung verfeinert und modifiziert, um eine fließendere, chromatischere und spannungsreichere Harmonik zu erzeugen.
Was ist die II-V-I Verbindung?
Die Jazzkadenz beschreibt eine Abfolge von drei Akkorden, die auf der zweiten, fünften und ersten Stufe einer Tonleiter basieren. In der Tonart C-Dur sieht diese Verbindung wie folgt aus:
- II. Stufe: D-Moll 7 (Dm7) – Die Subdominantparallele (ersetzt die IV. Stufe F-Dur).
- V. Stufe: G-Dominantseptakkord (G7) – Die Dominante, die maximale Spannung erzeugt.
- I. Stufe: C-Major 7 (Cmaj7) – Die Tonika, der Zielpunkt der Entspannung.
Der entscheidende Unterschied zur Klassik liegt in der Verwendung von Vierklängen. Im Jazz wird fast jeder Akkord mindestens mit einer Septime versehen, was den typischen, „reiferen“ Sound erzeugt.
Warum funktioniert die Jazzkadenz so gut?
Die Magie der II-V-I Verbindung liegt in der Quartfall-Logik. Die Grundtöne bewegen sich jeweils eine reine Quarte aufwärts (oder eine Quinte abwärts): Von D nach G, von G nach C. Diese Bewegung empfindet das menschliche Gehör als besonders zwingend und natürlich.
Ein weiterer Aspekt ist die Stimmführung. Zwischen den Akkorden gibt es sogenannte „Guide Tones“ (Leittöne), meist die Terz und die Septime. Bei einem Übergang von Dm7 zu G7 bleibt die Septime von Dm7 (der Ton C) liegen und wird zur Quarte von G, während die Terz von Dm7 (der Ton F) zur Septime von G7 wird. Diese minimalen Bewegungen innerhalb der Akkorde erzeugen den fließenden Klangcharakter, den Jazzmusiker so lieben.
Die Moll-Jazzkadenz: Eine dunklere Färbung
Im Jazz unterscheiden wir strikt zwischen Dur- und Moll-Kadenzen. Die II-V-I in Moll (z. B. für A-Moll) ist deutlich komplexer und spannungsreicher:
- II. Stufe: B-Moll 7 b5 (Bm7b5) – Auch bekannt als halbverminderter Akkord.
- V. Stufe: E7 alt (E7 mit Alterationen) – Oft mit b9, #9 oder b13 versehen, um den Drang zur Auflösung zu verstärken.
- I. Stufe: Am7 oder Am6 – Die Moll-Tonika.
Die Moll-Kadenz ist das Rückgrat von Standards wie „Autumn Leaves“ oder „Blue Bossa“ und erfordert beim Improvisieren ein tieferes Verständnis der Skalen (z. B. Lokrisch oder Harmonisch Moll).
Fortgeschrittene Techniken: Reharmonisation der Jazzkadenz
Ein professioneller Jazzpianist oder Gitarrist spielt selten die nackten Grundakkorde. Um die Kadenz interessanter zu gestalten, kommen verschiedene Techniken zum Einsatz:
Tritonussubstitution
Dies ist der wohl bekannteste „Trick“ im Jazz. Dabei wird der Dominantakkord (V) durch einen Dominantseptakkord ersetzt, dessen Grundton einen Tritonus entfernt liegt. Statt Dm7 – G7 – Cmaj7 spielt man Dm7 – Db7 – Cmaj7. Dies erzeugt eine chromatische Basslinie (D -> Db -> C), die extrem elegant klingt.
Alterationen und Extensions
Die Dominante (V) ist im Jazz extrem flexibel. Man fügt dem G7-Akkord Töne hinzu, die nicht in der ursprünglichen C-Dur-Tonleiter vorkommen, wie die b9 (Ab) oder die #11 (C#). Diese Spannungsnoten erzeugen ein „Out-of-key“-Gefühl, das sich in der Tonika umso befreiender auflöst.
Turnarounds
Die II-V-I wird oft zu einem Turnaround erweitert (I-VI-II-V), um ein Stück wieder an den Anfang zu führen. In C-Dur wäre dies: Cmaj7 – Am7 – Dm7 – G7. Dies ist die harmonische Schleife, die man in unzähligen Swing-Stücken hört.
Übungstipps für Instrumentalisten
Die Jazzkadenz zu verstehen ist die eine Sache, sie in allen 12 Tonarten flüssig spielen zu können, eine andere.
- Cycle of Fifths: Üben Sie die II-V-I Verbindung durch den Quintenzirkel. Beginnen Sie in C, dann F, dann Bb usw.
- Guide Tones isolieren: Spielen Sie auf dem Klavier oder der Gitarre nur die Terzen und Septimen der Akkorde. Hören Sie, wie sich die Spannung auflöst, ohne dass Sie den Grundton spielen müssen.
- Arpeggios: Singen oder spielen Sie die Akkordtöne (1-3-5-7) nacheinander ab. Dies ist die beste Vorbereitung für die Improvisation.
- Skalenverbindung: Nutzen Sie die dorische Leiter für die II, die mixolydische für die V und die ionische für die I.
Fazit: Das Tor zur Freiheit
Die Jazzkadenz ist mehr als nur eine Theorie-Lektion; sie ist die Sprache, in der sich Jazzmusiker unterhalten. Wer die II-V-I Verbindung meistert, versteht plötzlich 80 % des „Great American Songbook“. Sie ist das Werkzeug, das es ermöglicht, über komplexe Harmonien zu navigieren und eigene musikalische Geschichten zu erzählen. Ob im Bebop, Swing oder Fusion – ohne die Jazzkadenz wäre die moderne Musikwelt um ihre spannendsten Farben ärmer.
Mehr erfahren
Wikipedia Eintrag über die Jazzkadenz

