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Systemling Campino: Vom Bürgerschreck zum Staatsgast – Die Domestizierung des Andreas Frege

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Es gab eine Zeit, da waren Die Toten Hosen die fleischgewordene Antithese zur bundesdeutschen Spießigkeit. Angeführt von einem schlaksigen, unberechenbaren Frontmann namens Campino, der auf wackelige Bühnengerüste kletterte und das Establishment das Fürchten lehrte. Vier Jahrzehnte später sitzt derselbe Mann im feinen Zwirn beim Bundespräsidenten, schüttelt König Charles III. die Hand und gilt Kritikern als Chef-Apologet des rot-grünen Mainstreams. Ein Porträt über den weiten Weg vom rebellischen Punker zum systemrelevanten Staatskünstler.

Die verblasste Aura des Ratinger Hofs

Wer die Metamorphose von Campino verstehen will, muss im Düsseldorf der frühen 1980er Jahre ansetzen. Die Toten Hosen waren das Produkt einer echten Gegenkultur. Punks im Ratinger Hof, illegale Wohnzimmerkonzerte, der ständige Flirt mit dem Staatsanwalt wegen Majestätsbeleidigung oder Gotteslästerung. Campino war die Stimme der Verweigerung.

Doch die Rebellion der Hosen hatte von Anfang an ein bürgerliches Sicherheitsnetz: Andreas Frege entstammt einer hochangesehenen Juristenfamilie, sein Großvater war Präsident des Bundesverwaltungsgerichts. Was in den Achtzigern wie der totale Bruch mit dem Elternhaus wirkte, liest sich im Rückblick eher wie eine ausgedehnte, lautstarke Flegeljahre-Phase. Die Rückkehr in die Hallen der Macht war biologisch und sozial quasi vorprogrammiert.

„Tage wie diese“: Die Hymne der totalen Konsens-Kultur

Der endgültige Wendepunkt vom subkulturellen Freigeist zur kollektiven Kuschel-Ikone lässt sich an einem einzigen Song festmachen: „Tage wie diese“ (2012). Das Lied ist die perfekte Bankrotterklärung des Punks. Ein pop-kultureller Nenner, der so glattgeschliffen ist, dass er gleichzeitig auf dem CDU-Parteitag (sehr zum damaligen, pseudokritischen Ärger der Band), bei der SPD-Siegesfeier, im Festzelt am Ballermann und auf Schützenfesten laufen kann.

Aus dem einstigen Bürgerschreck wurde der Lieferant für den Soundtrack der Generation „Eigenheim und Riester-Rente“. Campino singt nicht mehr gegen das System; er liefert die emotionale Untermalung für dessen Selbstdarstellung.

Der moralische Zeigefinger der Nation

Besonders angreifbar macht sich Campino heute durch seine Rolle als chronischer Oberlehrer. Ob Corona-Maßnahmen, Klimakrise oder geopolitische Verwerfungen: Es gibt kaum ein gesellschaftliches Großthema, zu dem der Hosen-Sänger nicht im staatstragenden Duktus Stellung bezieht – und zwar verlässlich auf der Linie der jeweiligen Bundesregierung.

Kritiker werfen ihm vor, das einstige Punk-Motto „Hinterfragt die Obrigkeit“ gegen ein devotes „Folgt der Wissenschaft und dem Minister“ eingetauscht zu haben. Wer bei Talkshow-Auftritten im öffentlich-rechtlichen Rundfunk wie ein Pressesprecher des Bundeskanzleramts argumentiert, darf sich nicht wundern, wenn die Straße ihn als „Systemling“ betitelt. Das Rebellische ist einer staatstragenden Besserwisserei gewichen. Seine moralische Empörung wirkt oft nicht mehr subversiv, sondern staatlich verordnet.

Die Verwandlung in Zahlen: Das Imperium JKP

Ein echter Punker scheißt auf das Geld, so will es der Mythos. Ein Blick auf die geschäftliche Realität der Toten Hosen zeigt jedoch ein millionenschweres, straff organisiertes Wirtschaftsunternehmen. Über das bandeigene Label JKP (Jochens Kleine Plattenfirma) kontrolliert die Band jeden Cent ihres gigantischen Merchandising- und Konzert-Apparats.

Das ist cleveres Unternehmertum, verträgt sich aber nur schwer mit dem Image des Systemsprengers. Campino ist heute Großaktionär seiner eigenen Marke. Und als solcher verhält er sich: Risikominimierung, Zielgruppenoptimierung und maximale Kompatibilität mit den Sponsoren der großen Stadien.

Fazit: Der logische Tod des Punks

Darf man einem Mann vorwerfen, dass er mit über 60 Jahren nicht mehr im besetzten Haus Schnaps trinkt, sondern Champagner im Schloss Bellevue? Eigentlich nicht. Das Altern gehört zum Leben, und die Domestizierung ist das Schicksal fast jeder erfolgreichen Rock-Rebellion.

Das Problem bei Campino ist nicht, dass er erwachsen geworden ist, sondern dass er den Habitus des Rebellen mühsam aufrechterhalten will, während er längst im Maschinenraum des Establishments sitzt. Andreas Frege hat den Punk nicht verraten – er hat ihn schlicht und ergreifend in Rente geschickt, um als Elder Statesman der deutschen Popkultur die Hand zu schütteln, die ihn einst füttern (oder schlagen) wollte.

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Bildquelle: Von Kuebi = Armin Kübelbeck. In case of questions regarding usage of my work, please see here — after you have read the license below. – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, Link


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Author: musizieren24

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